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Abb.1: |
Fahrer-Gasgenerator FG2 (1997) der Temic Bayern-Chemie (jetzt TRW) |
Geschichtlicher Überblick
Der Ursprung dieses pneumatischen Rückhaltesystems liegt in den zwanziger Jahren in der Luftfahrtindustrie. Arthur Hughes Parrott und Harold Round erwarben am 17.Februar 1920 das Patent # US 1,331,359 für verschiedene Ausführungen eines Luftkissens, welches den Flugzeuginsassen bei einer Kollision vor schweren Verletzungen schützen sollte. Das Luftkissen blieb allerdings permanent aufgeblasen, dennoch gilt es als Vorläufer des heutigen Airbag, der erst im Einsatzfall in Sekundenbruchteilen seine Schutzwirkung entfaltet. Die ersten Patente zum Kfz-Airbag wurden erst im Jahr 1953 in Deutschland an Walter Lindner (Patent # DE 896312) und 1952 an John Hetrick, USA (Patent # US 2,649,311) erteilt. Hetrick schlug ein System vor, welches aus einem trägheitsgesteuerten Ventil und einem Druckgasspeicher bestand, dessen ausströmendes Gas verschiedene Luftsäcke im Lenkrad, der Instrumententafel und im Handschuhfach füllen sollte. Leider stellten sich die erforderlichen, extrem kurzen Aufblaszeiten als unüberwindliches Hindernis dar. Der Einsatz hochkomprimierter Luft war ohne Erfolg.
Man erkannte, dass als Druckerzeuger eine reine Pressluftflasche nicht ausreicht, bzw. eine unrealistische Baugröße bedingt. Die eigentliche Entwicklung der heute üblichen pyrotechnischen Gasgeneratoren begann erst 1968/69 bei Mercedes Benz in Stuttgart. Mit einem Styroporkissen versuchte man die Wirkung und benötigten Abmessungern zu simulieren, was auf Grund der versperrten Sicht bei einer Fehlauslösung zu größten Bedenken führte. Der entscheidende Schritt gelang um die Jahreswende 1970/71 einer Entwicklergruppe in Süddeutschland, welche an einem wehrtechnischen Projekt arbeitete. Die Aufgabenstellung lautete, "kleine Streubomben mittels einer Treibladung so vom Flugzeug zu trennen, dass der beim Ausstoß entstehende Schalldruck keine Beschädigung am Flugzeug entstehen lässt".
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Abb.2: Schnittzeichnung eines Fahrer-Gasgenerators von 1970/71 |
So wurde ein optimal angepasstes Raketentriebwerk entwickelt, welches mit einem rauchlosen Double-Base Treibstoff (Nitrozellulose / Nitroglyzerin / Stabilisatoren) arbeitete. Der gedankliche Transfer auf einen kleinen Festtreibstoff-Gasgenerator, der ein Luftkissen in sehr kurzer Zeit aufblasen sollte, war der Ausgangspunkt für verschiedene Prototypen im Lenkrad. In ersten Versuchen rissen aber die Bags meist an der Luftsack-Anbindung ab. Dies konnte erst mit der Einführung sogenannter Fangbänder verhindert werden (Patent DE 21 52 902 C2, angemeldet im Oktober 1971). Diese verringern die Ausweitung des Luftsackes in Richtung Fahrer bei gleichzeitig optimaler radialer Ausbreitung des Sackes beim Aufblasen. Die Aufblaszeit war bereits damals wie heute ca. 30 ms.
Auch damals hatten die Behörden einiges mitzureden und wie
immer benötigte die behördliche Zulassung der Neuentwicklung
bei der
BAM
einiges an Überzeugungsarbeit. Bald erhoben Toxikologen Einwände,
da der verwendete Treibstoff hohe Konzentrationen an NOx und CO
erzeugte, und es wurde nach einer besseren Lösung gesucht. 1972
wurde nach einem Expertentreffen der Firmen Bayern-Chemie und Daicel
in Ottobrunn ein Airbag Festtreibstoff entwickelt, welcher eine
erheblich bessere Haltbarkeit (> 15 Jahre) bei geringster
Schadgasemission hatte. Dieser bestand aus Natriumazid, Kaliumnitrat
und Sand, wurde in Tablettenform verpresst und erzeugt beim Abbrand
ausschließlich das ungiftige Gas Stickstoff und Kaliumoxid als
Feststoff.
Initiert durch US-Insassenschutzanforderungen wurde von GM 1974 bis 1976 unabhängig von obiger Entwicklung eine kleinere Stückzahl von Airbags für den Cadillac DeVille gefertigt. Da diese auf einem reinen Pressluftsystem beruhten, konnten sie aufgrund des hohen Schallpegels und klobigen Bauform nicht direkt überzeugen. Erst die von der Daimler-Benz AG in Stuttgart vorangetriebene Weiterentwicklung des pyrotechnischen Systems führte zum endgültigen Durchbruch. Da der Knall beim Auslösen des Airbags über der Schmerzgrenze lag, aber nur zehn Millisekunden dauerte, war der Effekt auf die Trommelfelle zunächst nicht eindeutig geklärt. Man behalf sich mit einen Käfig mit 15 Kanarienvögeln im Testwagen, um zu erfahren, inwieweit sich beim Auslösen des Airbags der Knall, die Gasemissionen und der Luftdruck schädlich auswirken könnten. Alle Kanarienvögel überlebten und blieben ausgesprochen munter. Als Nebeneffekt nahm die Anzahl der Kanarienvögel in den technischen Labors durch die gute Pflege stark zu, wo man die Vögel züchtete. Wieder war ein Schritt getan. Der Schalldruck lag nun in einem akzeptablen Bereich ("Airbag-Vortrag an der TU-München"; 20.1.78). Gemeinsam mit der Petri AG (Aschaffenburg) und der Bayern Chemie in Aschau (später TEMIC Bayern-Chemie und dann TRW Airbag Systems GmbH) wurde der Airbag zur Serienreife weiterentwickelt. Die ersten Lenkrad-Airbags wurden ab Ende 1980 von der Petri AG (heute Takata-Petri) mit Gasgeneratoren der Bayern-Chemie in Serie für die Mercedes-Benz S-Klasse der Baureihe W126 als Sonderausstattung produziert und im Dezember ausgeliefert. Kurz darauf schlossen sich BMW und weitere Fahrzeughersteller an.
Seit Ende der 90'ger Jahre wurde der Azid-Treibstoff durch azidfreie Neuentwicklungen ersetzt, welche noch heute in zahlreichen Generatorvarianten zum Einsatz kommen. Um die Gastemperatur zu senken, wurden auch sogenannte Hybrid-Gasgeneratoren entwickelt, welche aus einer Druckgasflasche (Fülldruck etwa 300 bar) und einer pyrotechnischen Stufe zur Auslösung und gleichzeitigen Erwärmung des ausströmenden Gases bestehen. Der Trend geht jedoch eindeutig wieder zurück zu reinen pyrotechnischen Lösungen, wobei sich die Leistung durch mehrere Stufen je nach Bedarf anpassen lässt.
Etwa ab dem Jahr 2000 wurde vermehrt an dem Problem gearbeitet, die
Wucht des sich entfaltenden Airbags, insbesondere für Personen,
die sich zu nahe am Airbag-System befinden, zu verringern (z.B. ein
Beifahrer, der sich nach vorne beugt und sich somit "out of
position" befindet). Hierzu wurden zweistufige Gasgeneratoren
entwickelt, welche zunächst mit der ersten pyrotechnischen Stufe
den Bag entfalten und erst dann vollständig mit der zweiten Stufe
über ein zusätzliches Zündsignal vom
Steuergerät
auffüllen. Der Bag entfaltet sich dadurch wesentlich sanfter aus
seinem Modul und überträgt weniger Energie auf die ungünstig
positionierte Person.
Interessante Erfindungen
Der Airbag bringt aber auch 50 Jahre nach seiner Erfindung interessante Stilblüten zutage. So meldete die Gesellschaft für innovative VerkehrsTechnologien mbH in Berlin eine "Sicherheitseinrichtung pneumatischer Airbag mit berstendem Druckbehälter" zum Patent unter der Nummer DE 43 07 615 A1 an. Hier wird ein Druckbehälter aus sprödem Material, vorzugsweise Glas, beschrieben, welcher bei einer hohen Bremsbeschleunigung auf einen Nagel trifft, in kleine Bruchstücke zerbirst und das gespeicherte Gas freisetzt:
Patentanmeldung
DE 43 07 615 A1
Sicherheitseinrichtung pneumatischer
Airbag mit berstendem Druckbehälter
In
konventionellen Fahrzeug-Airbagsystemen werden Aufblasvorrichtungen
verwendet, bei denen das Druckgas zum Befüllen des Gaskissens
durch Zündung von Treibstoffladungen erzeugt oder freigegeben
wird. Dabei entstehen unerwünschte toxisch wirkende Verbindungen.
Nicht ausgelöste Treibstoffladungen stellen ebenso eine
potentielle Gefahr dar. Die neue Airbagschutzvorrichtung soll gewährleisten,
dass das Ausströmen des Druckgases aus dem Druckbehälter
ohne Zündung von pyrotechnischer Treibladung erfolgt und dabei
eine optimale Ausströmcharakteristik des Ausströmvorganges
erzielt wird.
Gemäß der Erfindung wird das Druckgas in einem Druckbehälter
(1) aus sprödem Material (vorzugsweise Glas) gespeichert. Der
Druckbehälter (1) wird in seiner Position auf einer Druckfeder
(4) abgestützt. Bei Überschreiten einer definierten
Grenzverzögerung wird der Druckbehälter (1) durch die
auftretende Massenträgheitskraft aus der Nullage bebracht, wobei
dieser auf ein keilförmiges Bauteil (6) aufschlägt und somit
zum Bersten gebracht wird. Das sich rasch entspannende Druckgas strömt
in das Gaskissen (2) hinein.
Die Sicherheitsvorrichtung wird zum Schutz von Insassen von
Kraftfahrzeugen sowohl für die Fahrer- als auch Beifahrerseite
verwendet...
Der beschriebene Gegenstand erzeugt zwar keine toxische Verbindungen, allerdings bekommen die Glassplitter im Funktionsfall eine derart hohe kinetische Energie, so dass er höchstens für unliebsame Beifahrer eingesetzt werden kann. Wenn das Handling nicht so gefährlich wäre (benötigter Gas-Fülldruck immerhin 300 bar), wäre evtl. der Einsatz als Streubombe denkbar, aber niemals als Gasgenerator für Airbags im Kraftfahrzeug.
Oder wie wäre es mit dem CSS (Crash Sicherheits System). Eine Art Luftsack Rundumschutz für das gesamte Fahrzeug, welches sogar Blechschäden verhindert. Die Patentanmeldung vom 29.09.2005 ist unter DE 103 46 949 A1 zu finden. Zitat: "Der CSS schaltet sich entweder per Hand oder automatisch. Der Fahrer entscheidet und der Not Situation kann CSS selber per Notknopf Einschalten..." und "...garantiert höchsten Insassenschutz für alle Zeiten". Warum ist nur die Automobilindustrie noch nicht auf diese geniale Idee gekommen? Sollte das Patent erteilt werden, wäre aber immerhin der Name "CSS" für den Erfinder bares Geld wert.
Es ist immer empfehlenswert, Ideen vor der Anmeldung auf die
grundlegende Machbarkeit unter Beachtung der geltenden Naturgesetze prüfen
zu lassen. Auch eine kleine
Patentrecherche
ist unbedingt zu empfehlen.
Natürlich können Sie sich auch an mich wenden, vielleicht kann ich Ihnen in der ein oder anderen Frage weiterhelfen.
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Abb.3: |
Alter Fahrer-Gasgenerator MDN2 von Morton (Autoliv) im Schnitt |
Gasgenerator-Hersteller
Inzwischen versuchen sich viele Firmen in der Herstellung von
Gasgeneratoren und Airbag-Systemen, deren Anzahl allerdings mehr oder
minder konstant bleibt. Die einen gehen in Konkurs, die anderen werden
von größeren Mitbewerbern aufgekauft und andere versuchen,
neu in diesem engen Markt Fuß zu fassen. Neben
TRW
(USA/D) sind hier noch
Autoliv,
Takata-Petri,
Daicel
(JP) und
Nippon
Kajaku (JP) als die größten Hersteller zu nennen.
Das größte
Symposium
von Airbag Herstellern und Lieferanten von Airbagsystemen führt
alle zwei Jahre das Frauenhofer-Institut (ICT) in Pfinztal durch.
Dienstleister für Tests und Zulassung
Die Firma HPS bietet seine Dienste für die Zulassung von Rückhaltesystemen an. Es ist nämlich nicht ganz so einfach, ein funktionsfähiges und gleichzeitig sicheres Produkt zu entwickeln, was ich aus meinen langjährigen Erfahrungen nur bestätigen kann.
Selbstverständlich können Sie sich auch jederzeit an mich wenden, wenn Sie einen Ansprechpartner für Ihre Idee suchen. Ich kann Ihnen sicher passende Firmen für Ihr Anliegen nennen.
Literatur
Leider gibt es nur sehr wenige Bücher über den Airbag oder Gasgeneratoren. So kann ich nur auf die Bücher
"Airbag
und Gurtstraffer" vom Vogel Buchverlag
"Passive
Sicherheit von Kraftfahrzeugen: Biomechanik - Simulation -
Sicherheit im Entwicklungsprozess" (410 Seiten - Vieweg
Verlagsgesellschaft )
"Verletzungsschutz
durch Airbag" von Eugen H.Kuner; Springer, Berlin (1996)
Weitere Berichte, Vorträge und Theorie:
Schnellschaltende
Aktoren für adaptive Sicherheitssysteme im Kraftfahrzeugbau;
sehr guter Abriss der Sicherheitssysteme im Kfz (28.01.05)
Bestimmung
der Korngrößenverteilung von Partikeln im
Mikrometerbereich mittels Laserbeugung mit Schwerpunkt auf den
chemischen Aspekten der Dispergierung; Matthias Schmiddunser;
Gars (27.01.2006)- Airbag-Vortrag an der TU-München; G. Herrmann; Aschau a.Inn (20.01.1978)
- Airbag-Gasgenerator; G. Herrmann; Aschau a.Inn (16.02.1971)
Euro
NCAP; Crashtests
Ein kurzer geschichtlicher Abriss ist auch im Katalog des
Deutschen
Museums in Bonn beschrieben. Auch der Artikel
"25
Jahre Airbag" von der DaimlerCrysler AG und der
Spiegel-Artikel
"Knall
auf Unfall" ist sehr interessant. Das kleine Büchlein "Airbag.
Die zündende Idee beim Insassenschutz" ist leider schon
vergriffen.
Haben Sie weitere Literatur-Quellen? Ich bin für einen kurzen Hinweis immer dankbar.
Hinweise für Feuerwehr und Rettungskräfte
Aufgrund der hohen Anzahl an Airbag-Gasgeneratoren ist es unerlässlich, sich grundlegend mit der Anordnung von Airbagsystemen und der Vorgehensweise im Rettungsfall vertraut zu machen. Hier kann ich folgende Broschüren im Internet empfehlen:
Merzedes-Benz:
Leitfaden
für Rettungsdienste
Audi:
Leitfaden
für Rettungsdienste
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